Jugenheim in Rheinhessen Weinblatt

Leben zwischen Reben

Als Mahnmal für unsere jüdischen Mitbürger, die vertrieben, deportiert und ermordet wurden:

In Jugenheim hatte bis 1927 eine eigene jüdische Gemeinde. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhunderts zurück.
Zu dieser Zeit wurde auch der jüdische Friedhof angelegt.
Auf ihm wurden sowohl verstorbene Personen aus Jugenheim als auch aus Essenheim, Nieder-Saulheim, Partenheim, Vendersheim und Stadecken beigesetzt.

Etwa 100 Jahre später, um 1846 wurde in der Hintergasse eine Betstube eingerichtet, die über mehrere Jahrzehnte Mittelpunkt des jüdischen Lebens am Ort war. Auch die in Partenheim lebenden Juden kamen lange Jahre noch zu den Gottesdiensten nach Jugenheim.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Jugenheim 67 jüdische Einwohner, 1933 nur noch 18.

Auf meiner Suche nach Erinnerungen, fand ich nur wenige Menschen, die noch die Familien Müller, Blatt, Urnstein oder Vogel kannten. Die heute noch lebenden Zeitzeugen waren damals selbst Kinder und hatten eine andere Sicht auf die Dinge.

Ich wurde aber fündig in einem Artikel, den Adolf Schick Ende der 1970er Jahre nach seiner Erinnerung niedergeschrieben hatte. Er selbst hatte einen jüdischen Freund und dessen Schicksal hat ihn sehr bewegt. In einem Absatz heißt es, dass er Fritz immer wieder geraten hat nach Amerika zu gehen, aber die Familie war so mit Jugenheim und dem Geschäft hier verbunden, dass sie nicht daran dachten, auszuwandern.

Aus diesen Erinnerungen von Adolf Schick:
„Die Synagoge, im Volksmund „Judenschule“, stand in der Hintergasse, an dem Platz, wo sich jetzt Laden und Werkstatt von Karl Leisenheimer befinden. Sie war in schlechtem baulichen Zustand, die Wände waren nackt und das Mobiliar sehr kärglich. Der Bau wurde in der „Reichskristallnacht“ von Einheimischen zerstört.
Der alte Herr Blatt, in dem Haus in der Hauptstrasse, galt als sehr betucht. Er hatte die Angewohnheit mit Geldstücken in seiner rechten Hosentasche zu klimpern.
Mit seinem Sohn Sally, betrieb er eine Rindsmetzgerei und betätigte sich im Getreide- und Weinhandel. Jeder Rindsmetzger – es gab deren zwei – hatte seine feste Kundschaft.
Donnerstags und samstags, wegen des Sabbats nach Sonnenuntergang, wurde das Fleisch im „Nade“ ausgetragen, jeder Kunde hatte sein spezielles Stück, das er stets bekam.“
Sally Blatt verlor schon früh seine Frau, die ihm eine Tochter, die Lucie, hinterließ. Diese heiratete einen Glaubensgenossen, Arthur Forst, einen aufgeklärten jungen Mann, der viele Freunde in der Bevölkerung gewann.
Wegen der an die Macht gekommenen Nazis wanderten beide rechtzeitig nach Amerika aus und retteten so ihr Leben.
Sally selbst zog dann nach Mainz, wo ich mehrfach traf. Ohne links oder rechts zu sehen, nahm er, der den Davidstern tragen musste, keine Notiz von dem Volk, das ihn so demütigte. Wie alle Juden wurde er im Krieg abtransportiert und ist im KZ verschollen.

Die Sippe der Müllers setzte sich aus den Familien der Brüder Emil und Salmon zusammen. Emil Müller hatte sein Haus in der Hauptstraße,Salmon wohnte in dem letzten Haus in der Angergasse.
Beide Brüder führten gemeinsam ein recht bedeutendes Geschäft als Rindsmetzger, Vieh-, Getreide- und Weinhandel.
Außer Jugenheim und in geringerem Maße Partenheim, waren Engelstadt und Ober-Hilbersheim ihr Hauptbetätigungsfeld.
Emil war der ältere und weniger aktive der beiden Brüder.
Er litt unter einer Art Schlafkrankheit. Sobald er sich setzte, fielen ihm die Augen zu. Er starb kurz vor der Machtübernahme, ihm blieb somit vieles erspart.

Emils Frau musste den Leidensweg ihres Volkes gnadenlos mitmachen.

Sie blieb die einzige von allen bekannten Juden, die lebend aus dem Konzentrationslager zurückkam und ihre letzten Jahre in Mainz verbrachte.
Ein Bruder der Familie Emil Müller fiel im 1. Weltkrieg,
die Kinder Robert, Paula, Fritz und Eugen überlebten zunächst. Robert übernahm später das Textilgeschäft von Verwandten, Paula heiratete auswärts.
Der sehr intelligente Eugen trat in eine Bank ein, wo er bald eine einflussreiche Stellung bekleidete.
Fritz, mein Freund und Altersgenosse, betreute hauptsächlich Ober-Hilbersheim und Engelstadt. Er war Hauptmitglied unserer „Gesellschaft“, wie sich damals der Zusammenschluß der Altersgenossen nannte.
Salmon Müller holte sich seine Frau aus dem oberhessischen Wenings, das ein bedeutender Viehhandelsplatz war.
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie er später seine Brautwerbung in Hinsicht des künftigen Domizils beschrieb:
„Jugenheim liegt nicht aus der Welt, man kann nach Kreuznach und Bingen oder ins Theater nach Mainz fahren – und wisst ihr, wie oft wir dort waren; kein einziges Mal!“
Ich kenne noch den originellen Glückwunsch der jüdischen Familie Vogel zur Hochzeit:
„Wenings verliert, Jugenheim profitiert, herzlichst gratuliert Geschwister Vogel“
Salmon war ein gewiefter Viehhändler. Er machte den ganzen 1. Weltkrieg als Artillerie-Wachtmeister mit.
Umso schmählicher ist das Schicksal, das ihn erwartete.
Er hatte mit seiner Frau drei Kinder:
Richard, Lina und Siegfried, die im Dritten Reich rechtzeitig nach Amerika emigrierten.
Die anderen traf ein trauriges Geschick:
Beide Familien flüchteten 1938 in der „Kristallnacht“ nach Mainz,ihre Häuser wurden geplündert und teils abgerissen.
Das ganz Schlimme dabei ist, dass die Täter keine Auswärtigen waren.
Müllers fanden zunächst in Mainz in der Bahnhofstrasse eine geräumige, aber kärglich möblierte Wohnung, wo ich sie mehrfach aufsuchte und Lebensmittel brachte.
Ich habe dann Fritz zum letzten Mal in einem Altwarenlager in Kastel gefunden, wo er dienstverpflichtet war.
Da ich, wie die meisten, die ganze Weite der Tragödie nicht kannte, habe ich vergeblich auf ein Wiedersehen gehofft.
Bis auf die geschilderte Ausnahme, kamen alle Familienmitglieder im Konzentrationslager um. 

Auch die Urnsteins setzten sich aus zwei Familien zusammen. Der eine der Brüder – Isaak – hatte eine Kolonialwarenhandlung in der Hintergasse.
Er war verheiratet, hatte drei Töchter und einen Sohn.
Die Mutter ging mit den Töchtern etwa im Jahr 1910 nach Frankfurt, der Sohn Max blieb bei seinem Vater.
Isaak starb vor 1932, sein Sohn, der sich 1923 den Separatisten anschloß, konnte sich hier nicht mehr halten und verschwand.
Der andere der Brüder, Emanuel Urnstein, betrieb ein Manufaktur- und Kurzwarengeschäft in der Mainzer Straße.
Er war ein freundlicher Mann, stand mittags und abends vor seiner Ladentür, um die zur Arbeit gehenden oder zurückkommenden Bauern zu begrüßen.
Nach dem Tode der Mutter gingen die – übrigens sehr netten – Mädchen nach Frankfurt.
Emanuel starb noch vor der Machtübernahme, sein Sohn Arthur zog dann ebenfalls nach Frankfurt.
Er war der einzige der hiesigen Juden, der sich politisch aggressiv betätigte. Alle drei Kinder blieben verschollen.
Sie sind ohne Zweifel im KZ umgekommen.

Bleiben noch die Geschwister Vogel, je zwei ledige Brüder und Schwestern.

Alle vier waren ein Muster an Freundlichkeit und Gefälligkeit. Sie betrieben ebenfalls ein Ellenwarengeschäft.
Der Ältere, Ferdinand, ging mit Elle und Stoffballen hausieren, Bruder Felix war zum Geschäft nicht geeignet.
Später übernahm der erwähnte Robert Müller das Geschäft.
Die vier Geschwister konnten noch in Frieden heimgehen, Robert und seine junge Frau teilten das grausige Schicksal ihrer Anverwandten,sie blieben verschollen.
Wie schon erwähnt, war das Verhältnis zwischen christlicher und jüdischer Bevölkerung in Jugenheim ausgesprochen gut.“ 

soweit die Aufzeichnungen von Adolf Schick aus dem Jahr 1978

Im Frühjahr 1942 wurden mehr als 4.500 Menschen, darunter mehr als 1000 Menschen aus Mainz, Worms und Darmstadt im Zuge der „Aktion Reinhard“, der sogenannten „Endlösung der Judenfrage“ in die Ghettos und Vernichtungslager im Distrikt Lublin, auch als „Vorzimmer der Vernichtung“ bezeichnet, verschleppt.

Die rheinhessischen Juden sollten nach Piaski in Polen gebracht werden. Da es dort keinen Bahnhof gab, führte der Transport ins 15 Kilometer entfernte Trawniki.
Nach zunächst tagelanger Fahrt marschierten die Deportierten von der Bahnstation Trawniki ins Ghetto Piaski, dessen Straßen im knöcheltiefen Morast versanken.
Sie nutzten die Wohnungen der ausgetriebenen Polnischen Bewohner in den kleinen ein- oder zweistöckigen, ineinander geschachtelten Holzhäusern. Das Ghetto war mit einem hohen Zaun umgeben.
Bewachte Tore, die am Vormittag eine Stunde geöffnet waren, ermöglichten die Verbindung der Ghettoteile. Wasserleitungen und Kanalisation gab es in Piaski nicht.
Zu den erwähnten Verschleppten zählen auch die vier Geschwister Müller aus Jugenheim. Sie wurden am 25. März 1942 in dieses Lager gebracht:

Robert Müller
(der das Textilgeschäft der Geschwister Vogel übernahm)
Geboren am 03. Juni 1895
mit seiner Tochter Hilde
geboren am 13. April 1930

Paula Bendorf, geborene Müller (die Schwester, die nach Dornheim geheiratet hat)
geb. am 11. Juni 1897

Fritz Müller, der Freund von Adolf Schick und wie mir erzählt wurde, ein guter Theaterspieler im TuS
am 18. September 1900 in Jugenheim geboren

sowie
Eugen Müller, der Bankangestellte in einflussreicher Stellung
geboren am 07. November 1903 in Jugenheim 

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Es heißt, es waren vor allem alte Menschen, die aus Deutschland nach Theresienstadt kamen.
Mehr als die Hälfte war über 65 Jahre alt. Sie kamen in plombierten Waggons auf dem Bahnhof an, waren bis zu 20 Stunden unterwegs gewesen und schleppten sich mit ihrem 50 Kg Gepäck mit letzter Kraft die 4 km lange Straße entlang nach Theresienstadt.
Beim Öffnen der Waggons fielen viele schon halb ohnmächtig heraus, Tote und Sterbende blieben in den Waggons zurück.

Wir erinnern an:

Salomon Müller, der Geschäftsmann aus der Angergasse, dessen Kinder noch rechtzeitig nach Amerika auswandern konnten
geboren am 22. Mai 1876 in Jugenheim
am 28. September 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert und dort am 19. Mai 1944 verstorben

 seine Schwester

Rebekka Müller, am 15.Juli 1873 hier geboren,
wurde am 18. Juni 1942 von Berlin nach Theresienstadt verschleppt und starb am 16. Mai 1944 im Vernichtungslager Ausschwitz 

die andere Schwester:
Rosa Günzburger, geb. Müller,
geboren am 8. April 1870 nahm sich mit 72 Jahren vor der Verschleppung am 18. Juli 1942 in Berlin das Leben.

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Max Marcus Urnstein (Sohn des Lebensmittelhändlers „Isaak“ aus der Hintergasse)
geboren am 09. Juni 1896 in Jugenheim
wurde mit den Müllers am 25. März 1942, von Mainz nach Piaski deportiert.

 Arthur Urnstein, Cousin von Max und Sohn von dem freundlichen Emanuel aus der Mainzer Strasse

am am 25. August 1901 in Jugenheim geboren.
Er musste sich offensichtlich am 10. Mai 1942 von Weimar aus mit 1000 Thüringer Juden zu Fuß auf den Weg nach Belzec, Polen machen. Die Menschen waren dort zwischen 1 und 70 Jahren alt. In Belzec verliert sich wenige Monate später ihre Spur. Nur drei Überlebende wurden gefunden.

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 Die Mitglieder der Familie Blatt wurden nach Theresienstadt gebracht:

Bertha Wolf, geborene Blatt
am 24. Februar 1866 in Jugenheim geboren
am 27. September 1942, deoportiert ins Ghetto Theresienstadt, Tschechien und am 16. April 1943 verstorben,

 Auguste Kahn, geborene Blatt, geb.am 26.11.1868 in Jugenheim

ebenfalls am 27. September 1942 ins Ghetto Theresienstadt deportiert und dort am 20. Mai 1944 verstorben.

 Siegfried Blatt, geboren am 19. April 1875 in Jugenheim

am 22. August 1942, Theresienstadt und am 29. September 1942 weiter ins Vernichtungslager Treblinka

 Ich möchte mit den Worten von Hartmut Weber, Präsident des Bundesarchivs schließen:

„Wir haben eine moralische Verpflichtung, die Erinnerung an alle jüdischen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wachzuhalten und an künftige Generationen weiterzugeben.“

 Marion Weppler

November 2012